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Chronik des MGV 1921 Dorfitter

 

"Im goldenen Glanze stieg am 2. Juni 1957 die Sonne im Osten auf und zog ihren Weg höher und höher. Auch in unseren Sängerherzen schlug es höher. Die ersten Morgenlieder der Vöglein waren verklungen, die Tautröpfchen von den Blumen hatte die Sonne weggezehrt, als um 9 Uhr der Sängertag mit einer Gedenkfeier am Ehrenmal auf dem Friedhof eröffnet wurde." Mit diesen, aus der Sicht unserer nüchternen Zeit, pathetischen Worten begann der damalige Schriftführer Wilhelm Schnatz das Protokoll des Bundessängerfestes des Vöhler Sängerbundes am 2. und 3. Juni 1957 in Dorfitter. Liebe zum Gesang, Verbundenheit mit dem Verein und dem Vöhler Sängerbund und vor allem ein inniges Verhältnis zur Natur und zur Heimat sprechen aus jenen Worten.

Der langjährige Schriftführer des MVG-Dorfitter, Wilhelm Schnatz, war es auch, der mit 24 anderen rührigen Mitbewohnern am 19.01.1921 den Männergesangverein Dorfitter in einer Gründungsversammlung aus der Taufe hob. Was mögen wohl ihre Beweggründe gewesen sein, diesen Schritt drei Jahre nach dem schrecklichen Ende des 1. Weltkrieges zu vollziehen?

War es ein Ausdruck wiedererwachter Lebensfreude und bescheidenen Wohlstandes? War es die Absicht, die dörfliche Gemeinschaft durch einen neuen Verein stärker zusammenrücken zu lassen? War es die Liebe zum Gesang und zur Geselligkeit? War es der Gedanke, den Bewohnern des Dorfes eine kulturelle Alternative zu bieten?

Man könnte noch viele Beweggründe mehr aufzählen, ohne letztlich den eigentlichen Kernpunkt zu treffen.

Aktenkundig ist jedenfalls, daß schon drei Tage später am 22.01.1921, während der ersten Gesangsstunde, der Verein 33 Mitglieder zählte, und 14 Tage darauf wurde schon die stolze Zahl von 41 Mitgliedern protokollarisch belegt. Allein aus diesen nüchternen Zahlen ist zu ersehen, daß in der Bevölkerung ein echter Bedarf war, und daß die Gründung des Vereins einen wohlüberlegten Schritt darstellte.

Ein weiterer wichtiger Meilenstein im Jahre 1921 war, daß der MGV-Dorfitter am 04.11.1921 dem Vöhler Sängerbund beitrat und seine Tätigkeit auf eine breitere Basis stellte.

Der erste Vorsitzende des Vereins war Ludwig Dietrich, die Kasse führte Heinrich Öhl und Schriftführer war Friedrich Klein. Dirigiert wurden die Sänger von Lehrer Karl Noll. So waren eigentlich alle Bedingungen gegeben, eine gesunde Grundlage zu schaffen, auf der ein reges Vereinsleben aufgebaut werden konnte. Auch der Weitsichtigkeit jener Gründungsmitglieder ist es zu verdanken, daß wir in diesem Jahr das 70jährige Bestehen des MGV feiern können.

Die ersten Klippen im Vereinsleben mußten schon zwei Jahre später überwunden werden. Ganz Deutschland wurde von der größten je da gewesenen Inflation erschüttert. Die Preise und die Löhne stiegen ins Gigantische, die Angebote der Händler waren gering, und der gerade erwachte und bescheiden gewachsene Lebensstandard der Menschen erfuhr einen gewaltigen Dämpfer.

Im Nachhinein kann man die schlimme Zeit nur anhand von Beitragszahlungen und anderen Zahlen nachvollziehen:

  • 05.01.1923   Weihnachtsgeschenk für den Dirigenten 3.200,-Mark.
  • 16.06.1923   Beitrag 50,--Mark (pro Monat)
  • Strafe für Nichtteilnahme an einem Ausflug 5.000,-Mark.

Doch schon ein Jahr später war auch diese unglückselige Zeit überwunden, und die "Goldenen 20er" begannen.

Auch mit dem Verein ging es stetig bergauf. Besonders groß geschrieben wurde neben der Sangeslust auch schon die Geselligkeit. Es wurden die ersten Sängerfeste gefeiert und auch fleißig besucht, ebenso der Frohsinn und manche durstige Kehle kamen nicht zu kurz. So wurde fast jeden Monat aus der Vereinskasse ein Faß Bier bezahlt. Trotzdem war in ihr niemals Ebbe zu verzeichnen; denn am 03.04.1928 konnte unter erheblichen Kosten die Vereinsfahne angeschafft werden.

Im Jahre des Beitritts zum Deutschen Sängerbund, am 02.09.1933, begann nicht nur für den Verein sondern in ganz Deutschland die unglückliche Zeit des Nationalsozialismus. Auch vor dem MVG machte die politische Indoktrination nicht halt. Die Generalversammlungen wurden zu NS-Kundgebungen degradiert, die Politik stand an erster Stelle und nicht der Gesang. Der Vereinsvorsitzende wurde "Vereinsführer" genannt, und es wurden auch im Protokoll politische Parolen niedergeschrieben (Einige im Nachhinein verfängliche Äußerungen wurden nach dem Krieg wohlweislich durch Streichungen oder durch Herausschneiden vernichtet.).

Immer mehr junge, kräftige Vereinsmitglieder mußten in den Krieg ziehen, das Vereins-leben verödete mehr und mehr. Im Jahre 1940 fanden schließlich nur noch drei Monatsversammlungen statt. Die letzte Versammlung wurde im März 1941 einberufen. Danach war dem einst blühenden Verein eine Zwangspause auferlegt und niemand konnte sagen, ob dies das Ende der Sangesgemeinschaft bedeutete.

Drei Sangesbrüder (Karl Weber, Wilhelm Lahme und Wilhelm Klein) kehrten nicht mehr aus dem Felde zurück. Andere wiederum sahen ihre Heimat erst nach längerer Gefangenschaft oder verletzungsbedingtem Lazarett-Aufenthalt wieder.

Nach dem Krieg waren es auch wieder die Lust am Gesang und die Liebe zum Lied, welche die Sänger sich versammeln ließen, um den Verein neu zu beleben.

Am 16.02.1948 trafen sich zu einer außerordentlichen Versammlung 46 aktive Sänger, die das kulturelle Leben des Dorfes wieder in ihre Hände nehmen wollten. Man wählte auf dieser ersten Sitzung Heinrich Gernandt zum Vorsitzenden, der die Geschicke des Vereins für viele Jahre leiten sollte. Weil die Nachkriegsgeschichte sehr eng mit dem Namen Heinrich Gernandt verbunden ist, sollen an dieser Stelle ein paar Worte über ihn gesagt werden:

Er wurde am 11.09.1899 in Dorfitter geboren. Die Zimmermannslehre war fast schon Tradition in der Familie, genauso wie es Tradition war, Hausmetzger in Dorfitter zu sein. Dieses "Amt" führte er etwa 60 Jahre lang aus. Heinrich Gernandt war verheiratet und hatte drei Söhne.

Er war einer der Gründungsmitglieder des Vereins, und er konnte am Ende seines Lebens er verstarb im Jahre 1979) auf eine mehr als 50jährige Sangestätigkeit zurückblicken. Anläßlich dieses Jubiläums erhielt er Urkunde und Ehrennadel des Deutschen Sängerbundes.

Mit patriarchalisch strenger Hand führte er den Verein aus den Kriegswirren heraus und leitete ihn zu neuer Blüte. Bei seiner Abdankung vom Vorsitz im Jahre 1958 ernannte ihn der Verein aufgrund seiner besonderen Verdienste zum Ehrenvorsitzenden.

Nicht nur das kulturelle sondern auch das gesellschaftliche Leben kam in Dorfitter wieder sehr schnell auf die Beine. Schon am 1. Pfingsttag des Jahres 1948 gab es Konzert mit anschließendem Tanz.

Höhepunkt der nächsten Jahre und sichtbares Zeichen eines wiedererstarkten Männergesangvereins war das 30jährige Stiftungsfest des Vereins am 2. Juli 1951. Aus einem Zeitungsartikel in der Frankenberger und Korbacher Zeitung" vom 04.07.1951 soll an dieser Stelle zitiert werden:

"Die ganze Woche war uns kein Heuwetter beschert, als aber der Männergesangverein Dorfitter sein 30. Stiftungsfest am Sonntag und am Montag feierte, strahlte der schönste Sonnenschein. Am Sonntagmorgen versammelte sich um die Zeit des Gottesdienstes die ganze Gemeinde auf dem Friedhof, wo Pfarrer Krummel der Gefallenen gedachte und der Vereinsvorstand seine Sangesbrüder am Ehrenmal ehrte. Um die Mittagsstunde versammelte sich 11 Vereine des Vöhler Sängerbundes, sowie 7 Gastvereine aus dem benachbarten Waldeckischen auf dem Itterschen Hofgute zu einem Festzug, den die Kapelle Nickel aus Korbach begleitete. In drei Wagen fuhren die Ehrengäste voran, Ehrenjungfrauen mit Blumengebinden und der zu überreichenden Fahnenschleife gaben dem Zug ein farbenfreudiges Gepräge."

Aus den ersten Worten des Zeitungsartikels erfährt man von der Hingabe der Sänger, das Leben neu aufzunehmen und freudig in die Zukunft sehend zu gestalten.

Im Laufe der nächsten Jahre wurden ganz besondere Feste traditionell begangen. Dazu gehörten Familienabende, Wintervergnügen und Erntedankfeste im Zusammenwirken mit der Kyffhäuser-Kameradschaft. Sehr beliebt waren auch zu diesen Anlässen die Aufführungen von kleinen Theaterstücken. Gern erinnern sich die Itteraner vor allem an ein Stück aus dem Jahre 1953 erinnert, das den schönen Titel trug "Wenn der Hahn kräht".

Ganz allmählich setzte sich in Dorfitter die neue, moderne Zeit durch. Schon im Jahre 1959 werden im Protokollbuch schädliche Einflüsse des Fernsehens auf die Chorproben erwähnt. Mit der "Konkurrenz des Fernsehens" hat in der heutigen Zeit jeder Verein zu kämpfen. Wo mußten nicht schon Gesangsstunden ausfallen, wenn ein besonderes Fußballspiel übertragen wurde?

Doch auch mit diesen Unbilden wurde der Verein fertig; denn Lebendigkeit, immer guter, aktiver Nachwuchs, aber auch eine aktuelle, moderne Liedauswahl der Chorleiter und des Chores ließen Langeweile nie aufkommen. Im Gegenteil! Die Mitglieder-Entwicklung der letzten Jahre zeigt, daß der Verein auch den Nerv der Jugend trifft. So ist der MGV Dorfitter einer der wenigen Gesangvereine, der nicht über mangelndes Interesse der Jugend zu klagen hat.

Ein weiterer Aktivposten des Vereinslebens sind die "fördernden Mitglieder", die mit ihrem finanziellen Engagement die Existenz des Vereins auf eine solide Basis stellen. Zur Lebendigkeit des Vereins gehört es auch heute noch, schon traditionelle Veranstaltungen durchzuführen. Dazu zählt erstens das alljährliche Maisingen für das ganze Dorf. Auf dem Platz vor dem Dorfgemeinschaftshaus werden am 1. Mai mehrere Liedvorträge dargeboten. Anschließend wird in bewährter Weise für das leibliche Wohl der Besucher gesorgt, so mancher späte Gast ist nach dieser Veranstaltung singend nach Hause gezogen. Die Durchführung oblag halt dem Gesangverein.

Als zweites ist die traditionsreiche Herbstwanderung bei aktiven und fördernden Mitgliedern sehr beliebt. In der näheren oder weiteren Umgebung Dorfitters wird ein Ziel erwandert, das auch von nicht besonders geübten Wanderern leicht erreicht werden kann.

Wer nun wirklich schlecht zu Fuß ist, hat nun immer noch die Möglichkeit, im "Marketenderwagen" mitzufahren, in dem Speisen, vor allem aber Getränke für die geplagten Wandersleute mitgeführt werden. So wiederholt es sich Jahr für Jahr, daß zwischen Wegstrecke und Teilnehmern eine Proportionalität entsteht: "Je länger der Weg, desto lustiger die Wanderer".

Willi Butterweck